Bernd Weingart, Projects

Inszenierungen
»Flüstergewölbe« (No. 307) - East Germany, 1987-1989
Gelatin silver reanalog print 20 x 30 cm
Edition: 7 + 3 a.p.

Bernd Weingart, Projects

Nachtwanderungen
»Flüstergewölbe« (No. 201) - East Germany, 1987-1989
Gelatin silver reanalog print 20 x 30 cm
Edition: 7 + 3 a.p.

Bernd Weingart, Projects

Inszenierungen
»Flüstergewölbe« (No. 322) - East Germany, 1987-1989
Gelatin silver reanalog print 20 x 30 cm
Edition: 7 + 3 a.p.

Bernd Weingart, Projects

Inszenierungen
»Flüstergewölbe« (No. 316) - East Germany, 1987-1989
Gelatin silver reanalog print 20 x 30 cm
Edition: 7 + 3 a.p.

Bernd Weingart, Projects

Inszenierungen
»Flüstergewölbe« (No. 311) - East Germany, 1987-1989
Gelatin silver reanalog print 20 x 30 cm
Edition: 7 + 3 a.p.

Bernd Weingart, Projects

Spaziergänge
»Flüstergewölbe« (No. 146) - East Germany, 1987-1989
Gelatin silver reanalog print 30 x 20 cm
Edition: 7 + 3 a.p.

Bernd Weingart, Projects

Spaziergänge
»Flüstergewölbe« (No. 149) - East Germany, 1987-1989
Gelatin silver reanalog print 30 x 20 cm
Edition: 7 + 3 a.p.

Bernd Weingart, Projects

Nachtwanderungen
»Flüstergewölbe« (No. 237) - East Germany, 1987-1989
Gelatin silver reanalog print 30 x 20 cm
Edition: 7 + 3 a.p.

Bernd Weingart, Projects

Nachtwanderungen
»Flüstergewölbe« (No. 229) - East Germany, 1987-1989
Gelatin silver reanalog print 30 x 20 cm
Edition: 7 + 3 a.p.

Bernd Weingart, Projects

Spiegelungen
»Flüstergewölbe« (No. 401) - East Germany, 1987-1989
Gelatin silver reanalog print 20 x 30 cm
Edition: 7 + 3 a.p.

Bernd Weingart, Projects

Spiegelungen
»Flüstergewölbe« (No. 416) - East Germany, 1987-1989
Gelatin silver reanalog print 20 x 30 cm
Edition: 7 + 3 a.p.

Bernd Weingart, Projects

Asphaltfiguren
»Flüstergewölbe« (No. 801) - East Germany, 1987-1989
Gelatin silver reanalog print 20 x 30 cm
Edition: 7 + 3 a.p.

Flüstergewölbe

Ein Tag im April, am späteren Vormittag. Einige Glassplitter ragen noch aus den bröckelnden Kittresten der dünnen Holzrippen eines hohen, schmalen Fensters. Die Farbe blättert von den Wändflächen ringsum. Die Luft ist lauschig warm und muffig und riecht nach Staub. Im runden, gebrochenen Schminkspiegel auf dem Fenstersims sieht sich ein junger Mann, der davon träumt, seine Texte veröffentlichen zu können. Glasscherben knirschen unter den Schritten eines weiteren jungen Mannes, der durch den Focus einer Kamera schaut, das gebrochene Spiegelbild seines Freundes ganz nah zu sich heran holend. Der Mann mit der Kamera schaut durch das Fenster nach draußen, auf den kleinen Teich und in den Park, und der Wind kräuselt das Wasser und läßt die zitternden Umrisse der schlanken, noch kahlen Buchen darin vorerst verschwinden.

Es war Dienstag und jeder ging seiner Arbeit nach. Die Menschen arbeiteten in Betrieben, Gaststätten, Krankenhäusern, Verkaufstellen, Kindergärten, Schulen, Büros, landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften oder auf Baustellen, im Steinbruch, im Verkehrswesen, bei der Volkspolizei, der Armee und einige außerdem bei der Staatssicherheit. Alle waren tätig. Werktätig, wie es hieß. Und alle hatten an der Umsetzung vereinbarter Ziele zu arbeiten. Ziele, die beschlossen worden waren auf den Parteitagen der großen Partei, die nichts und niemand in Frage zu stellen hatte. Planloses In-den-Tag-hinein-leben oder gar grübelndes Herumspazieren waren verdächtig bis strafbar. Es galt als eines der schlimmsten Verbrechen, in melancholischen Stimmungen schwelgend die parteilich vereinbarte Realität zu vergessen. Wie sollte ein halbwegs sensibler Geist in einer solchen Welt überleben? In einer Welt, in der der Grundsatz vereinbart worden war, dass es so etwas wie Geist gar nicht gäbe, und in der diejenigen, die vorgaben, das Land zu »regieren«, nicht einmal von Weitem begriffen hatten, was gerade diese Vereinbarung überhaupt bedeutete. Wie sollte ein Mensch, dessen Geist noch lebendig war, in einer solchen Realität überleben?

Bernd Weingart fotographierte. Er ließ Bilder entstehen, die seinen Blicken entsprachen; seiner Sehnsucht nach dem, was nicht sein durfte und was er doch war: ein leibhaftiger Geist, den man nicht einsperren konnte, der die Welt anschaute, sie mit seinen Blicken anblies, sie berührte und in seiner Erinnerung lebendig werden ließ als einen Ort und eine Zeit voll sinnlicher Gewissheiten, trunken von einem Geschmack für´s Unendliche, und manchmal, in seltenen Augenblicken, sich auch inniglich hingebend: einer geliebten, einer immer gesuchten Gestalt. Als Zufluchtsort dienten die Risse im Mörtel all der verfallenden Häuser und Mauern, dienten Figuren, die man erschuf, wenn man im Nebel umhersprang, im Licht eines Morgens oder unweit einer Laterne. Als Zufluchtsort dienten die Leere der Plätze bei Nacht, die Löcher im Asphalt einer Straße. Eine Barockfassade konnte zur Leidensgenossin werden, denn sie war ja in ähnlicher Weise bedroht wie er selber; vom Abriss bedroht, vom Verschwinden. Er suchte Zuflucht vor seiner geistigen Auslöschung und ließ seine Sehnsucht gerinnen zu Bildern, in denen er selber erhalten blieb - und überlebte. Er entdeckte eine seltene Realität: die der Flüstergewölbe.7

- Christian Weingart

Flüstergewölbe

Die Fotografien der Serie »Flüstergewölbe« dokumentieren eine Expedition zu jenem mythischen Ort, der die Erinnerungen mit Energien versorgt. Franz Kafka hat diesen Ort als das geheimnisvolle Zimmer beschrieben, das jeder in sich trägt und dessen Existenz man sogar durch das Gehör überprüfen könne: »Wenn man hinhorcht, etwa in der Nacht, wenn alles ringsherum still ist,« schrieb Kafka, »so hört man zum Beispiel das Scheppern eines nicht genug befestigten Wandspiegels«. In Bernd Weingarts Fotografien sind solche Überprüfungsmöglichkeiten ins Bild gesetzt worden. Stattgefunden hat seine Expedition Ende der 1980er Jahre in der teilweise schon untergegangenen Welt der DDR, in der Landschaft Thüringens in der Nähe von Gotha. Der feine Dunst-Schleier über dieser Landschaft, das Diesig-Weiche und Unklare, das schon immer die »metaphysische« Stimmung Thüringens geprägt hat, kam dabei den Traumblicken zugute. Meist nachts mit einem gleichgesinnten Freund unterwegs auf einsamen Landstrassen und Feldwegen, umherstreifend in wunderbar verwilderten Parks und in den Flüstergewölben verrotteter Haus-Paläste ohne Fensterscheiben, entdeckte er auf der Suche nach den Geheimnissen der Details, aus denen die Erinnerung auch ihre Energien holt, in den »Spiegeln des Labyrinths« seines Lebens die Realität seiner eigenen Traumwelt, deren Wahrnehmung es ihm erlaubte, inmitten der äußeren Tristesse der DDR seinem Leben eine Form zu geben, indem er in seinen Schwarz-Weiß-Arbeiten die (fast surreal) empfundenen Augenblicke individuell ausleuchtete.

Solche Recherche nach dem persönlichen Lebens-Mythos, die den Fotografien den Mehrwert über das Dokumentarische hinaus geben, legte aber auch sowohl hinsichtlich der in den Fotos dargestellten architektonischen Komposition wie der in ihnen aufscheinenden psychischen, das kollektive Leben bestimmenden Realität die Substanz der Materialien einer geschichtlichen Vergangenheit frei, deren Spuren über die Gegenwart Ende der 1980er Jahre einen Blick weit zurück ins alte Deutschland bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gewähren und insofern eine Zeitlosigkeit hinter der meist verborgenen Gleichzeitigkeit allen Geschehens behaupten.8

- Christian Linder