Flüstergewölbe

Ein Tag im April, am späteren Vormittag. Einige Glassplitter ragen noch aus den bröckelnden Kittresten der dünnen Holzrippen eines hohen, schmalen Fensters. Die Farbe blättert von den Wändflächen ringsum. Die Luft ist lauschig warm und muffig und riecht nach Staub. Im runden, gebrochenen Schminkspiegel auf dem Fenstersims sieht sich ein junger Mann, der davon träumt, seine Texte veröffentlichen zu können. Glasscherben knirschen unter den Schritten eines weiteren jungen Mannes, der durch den Focus einer Kamera schaut, das gebrochene Spiegelbild seines Freundes ganz nah zu sich heran holend. Der Mann mit der Kamera schaut durch das Fenster nach draußen, auf den kleinen Teich und in den Park, und der Wind kräuselt das Wasser und läßt die zitternden Umrisse der schlanken, noch kahlen Buchen darin vorerst verschwinden.
Es war Dienstag und jeder ging seiner Arbeit nach. Die Menschen arbeiteten in Betrieben, Gaststätten, Krankenhäusern, Verkaufstellen, Kindergärten, Schulen, Büros, landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften oder auf Baustellen, im Steinbruch, im Verkehrswesen, bei der Volkspolizei, der Armee und einige außerdem bei der Staatssicherheit. Alle waren tätig. Werktätig, wie es hieß. Und alle hatten an der Umsetzung vereinbarter Ziele zu arbeiten. Ziele, die beschlossen worden waren auf den Parteitagen der großen Partei, die nichts und niemand in Frage zu stellen hatte. Planloses In-den-Tag-hinein-leben oder gar grübelndes Herumspazieren waren verdächtig bis strafbar. Es galt als eines der schlimmsten Verbrechen, in melancholischen Stimmungen schwelgend die parteilich vereinbarte Realität zu vergessen. Wie sollte ein halbwegs sensibler Geist in einer solchen Welt überleben? In einer Welt, in der der Grundsatz vereinbart worden war, dass es so etwas wie Geist gar nicht gäbe, und in der diejenigen, die vorgaben, das Land zu »regieren«, nicht einmal von Weitem begriffen hatten, was gerade diese Vereinbarung überhaupt bedeutete. Wie sollte ein Mensch, dessen Geist noch lebendig war, in einer solchen Realität überleben?
Bernd Weingart fotographierte. Er ließ Bilder entstehen, die seinen Blicken entsprachen; seiner Sehnsucht nach dem, was nicht sein durfte und was er doch war: ein leibhaftiger Geist, den man nicht einsperren konnte, der die Welt anschaute, sie mit seinen Blicken anblies, sie berührte und in seiner Erinnerung lebendig werden ließ als einen Ort und eine Zeit voll sinnlicher Gewissheiten, trunken von einem Geschmack für´s Unendliche, und manchmal, in seltenen Augenblicken, sich auch inniglich hingebend: einer geliebten, einer immer gesuchten Gestalt. Als Zufluchtsort dienten die Risse im Mörtel all der verfallenden Häuser und Mauern, dienten Figuren, die man erschuf, wenn man im Nebel umhersprang, im Licht eines Morgens oder unweit einer Laterne. Als Zufluchtsort dienten die Leere der Plätze bei Nacht, die Löcher im Asphalt einer Straße. Eine Barockfassade konnte zur Leidensgenossin werden, denn sie war ja in ähnlicher Weise bedroht wie er selber; vom Abriss bedroht, vom Verschwinden. Er suchte Zuflucht vor seiner geistigen Auslöschung und ließ seine Sehnsucht gerinnen zu Bildern, in denen er selber erhalten blieb - und überlebte. Er entdeckte eine seltene Realität: die der Flüstergewölbe.

- Christian Weingart

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