Flüstergewölbe

Die Fotografien der Serie »Flüstergewölbe« dokumentieren eine Expedition zu jenem mythischen Ort, der die Erinnerungen mit Energien versorgt. Franz Kafka hat diesen Ort als das geheimnisvolle Zimmer beschrieben, das jeder in sich trägt und dessen Existenz man sogar durch das Gehör überprüfen könne: »Wenn man hinhorcht, etwa in der Nacht, wenn alles ringsherum still ist,« schrieb Kafka, »so hört man zum Beispiel das Scheppern eines nicht genug befestigten Wandspiegels«. In Bernd Weingarts Fotografien sind solche Überprüfungsmöglichkeiten ins Bild gesetzt worden. Stattgefunden hat seine Expedition Ende der 1980er Jahre in der teilweise schon untergegangenen Welt der DDR, in der Landschaft Thüringens in der Nähe von Gotha. Der feine Dunst-Schleier über dieser Landschaft, das Diesig-Weiche und Unklare, das schon immer die »metaphysische« Stimmung Thüringens geprägt hat, kam dabei den Traumblicken zugute. Meist nachts mit einem gleichgesinnten Freund unterwegs auf einsamen Landstrassen und Feldwegen, umherstreifend in wunderbar verwilderten Parks und in den Flüstergewölben verrotteter Haus-Paläste ohne Fensterscheiben, entdeckte er auf der Suche nach den Geheimnissen der Details, aus denen die Erinnerung auch ihre Energien holt, in den »Spiegeln des Labyrinths« seines Lebens die Realität seiner eigenen Traumwelt, deren Wahrnehmung es ihm erlaubte, inmitten der äußeren Tristesse der DDR seinem Leben eine Form zu geben, indem er in seinen Schwarz-Weiß-Arbeiten die (fast surreal) empfundenen Augenblicke individuell ausleuchtete.
Solche Recherche nach dem persönlichen Lebens-Mythos, die den Fotografien den Mehrwert über das Dokumentarische hinaus geben, legte aber auch sowohl hinsichtlich der in den Fotos dargestellten architektonischen Komposition wie der in ihnen aufscheinenden psychischen, das kollektive Leben bestimmenden Realität die Substanz der Materialien einer geschichtlichen Vergangenheit frei, deren Spuren über die Gegenwart Ende der 1980er Jahre einen Blick weit zurück ins alte Deutschland bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gewähren und insofern eine Zeitlosigkeit hinter der meist verborgenen Gleichzeitigkeit allen Geschehens behaupten.

- Christian Linder

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