Transparenz des Augenblicks

Im Grenzland des Sichtbaren

Aus der reichen Fülle von Sichtbarem und Verborgenem erwachsen die poietischen Bildwelten Bernd Weingarts. Sie öffnen das Grenzland zwischen Realität und Imagination, bewegen sich im Licht wie in der Finsternis, überstrahlen das Offensichtliche und verwandeln flüchtige Momente in sinnliche Präsenz.

Mit meditativer Gelassenheit und lebendiger Neugier ergründet seine Kunst den Dialog von Licht und Dunkelheit und offenbart zugleich die feinen Schattierungen menschlicher Existenz. Seine Fotografien sind Momente kontemplativer Tiefe - Gestalten des Sichtbaren, durchzogen von der Ahnung verborgener Wirklichkeiten. Dieses Bewusstsein durchzieht alle Arbeiten mit einer leisen Melancholie, die uns daran erinnert, dass wir »nicht sehr verlässlich zu Hause sind in der gedeuteten Welt« und ein Teil unseres Wesens außerhalb der Zeit beheimatet ist.

Die Transparenz des Lichts, das die Dinge berührt, verdichtet sich zur erotischen Intensität des Augenblicks. Die Fotografie fixiert diesen Moment der Reflexion und verwandelt ihn in eine grafische Spur. Die Camera Obscura, seit der Antike bekannt, wurde zu einem präzisen Instrument der Welterkundung - einem Inbegriff dokumentarischer Präzision. Doch genau dieser exakte Moment der Fotografie bleibt nebensächlich - rein mimetisch, ohne existenziellen Gehalt. Bernd Weingarts Kunst entzieht sich dieser Mimesis bis zu jenem Punkt, an dem es ihm gelingt, die Trouvailles seiner Bilder transparent werden zu lassen und dem erlebten Moment des für ihn Transzendenten Gestalt zu verleihen.

Dort, wo die Moderne Bedeutung minimiert und Reduktion verlangt, entzieht sich seine Bildfindung dem forcierten Deutungsdruck und öffnet ein Feld der Ambiguität. Zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen Stille und struktureller Dynamik öffnet sich eine lichte Weite, in der seine Blicke zu atmen beginnen.

Der individuell gewonnene Ausschnitt der Welt erhellt zugleich den persönlichen Hintergrund des Fotografen und die Bedingtheiten seines Sehens. Es ist ein Sehen, das an den Fluss erinnert, den Heraklit beschreibt: Nichts bleibt, und doch offenbart sich im Wechsel ein verborgenes Maß. Auch das Naturverständnis Dschuang Dsís, in dem die Dinge sich selbst überlassen, um im Einklang zu erscheinen, durchzieht die stillen Rhythmen seiner Fotografien. Heideggers »Zuspruch des Feldweges« wird spürbar, wenn Weingarts Blick das Alltägliche auflädt und im Gewöhnlichen das Unerschöpfliche zeigt. In der Tiefendimension seiner Bilder lässt sich zudem der alte Gedanke der Korrespondenz des Hermes Trismegistos erahnen, der das Einzelne mit dem Ganzen verbindet.

Bernd Weingarts Bilder erzählen von der Freiheit, uns der Welt zuwenden zu können - mit dem Versprechen, von jener Transparenz des Augenblicks berührt zu werden, die Teil unseres Wesens ist, leise und unsagbar, jenseits der Zeit beheimatet.