Echos
Apparition über Schönerlinde
In einer von Nebel und Dunst durchzogenen Landschaft, in der sich das Unbestimmte mit dem Greifbaren verbindet, entfaltet sich eine stille und doch gewaltige Vision. Über sanften Hügeln und weiten Ebenen erscheinen drei Pyramiden – Dreiecke, welche sich wechselseitig durchdringen und die Landschaft an den Stellen ihrer Überlagerung transparent werden lassen. Diese Erscheinungen sind mehr als nur geometrische Figuren. Sie scheinen nicht bloß vor dem Auge zu stehen, sondern in die organische Welt einzutauchen und sich mit ihr zu verbinden. Das Bild, das sich eröffnet, ist nicht statisch; es ist ein Dialog zwischen der platonischen Idee und der Materie, die sie umgibt.
Bernd Weingart deutet auch in dieser Werkreihe darauf hin, dass die strenge Trennung zwischen dem »Himmel der Ideen« und der »Erde der sinnlichen Wahrnehmung« keine Gültigkeit besitzt. In seinen Arbeiten erscheinen die platonischen Körper nicht als entkörperlichte, rein abstrakte Gebilde im »Himmel der Ideen«, sondern als Elemente, die von der organischen Welt durchdrungen sind. Diese Körper, die in der platonischen Philosophie als grundlegende Struktur der Wirklichkeit gedacht wurden, treten aus ihrer rein gedanklichen Sphäre hervor und erscheinen in einer neuen, greifbaren Dimension. Weingarts Pyramiden sind nicht nur geometrische Strukturen; sie sind lebendige Formationen, die die Grenze zwischen Abstraktion und organischer Materie erneut vermessen.
Die Farbpalette der Bilder – sanfte Pastellnuancen – spiegelt eine melancholische, fast zerbrechliche Stimmung, in welcher die Idee von Materie als etwas Geordnetem, das aus platonischen Körpern besteht, erlebbar wird. In Weingarts Arbeiten ist diese philosophische Vorstellung nicht nur ein Konzept, sondern sie wird zur visuellen Realität. Die Pyramiden erscheinen wie schimmernde »Echos« der Idee, die die Formen der Landschaft durchdringen und ihr eine tiefere, metaphysische Dimension verleihen. Sie sind nicht nur Zeichen der Geometrie, sondern auch die Erinnerung an die antike Vorstellung einer kosmischen Ordnung der Welt.
Jenseits des rein philosophischen Denkens findet sich eine weitere Dimension, die sich in den Bildern manifestiert. Die Pyramiden, die hier erscheinen, sind nicht nur architektonische Formen, sondern auch »Echos« einer älteren kosmologischen Bedeutung. In den Grabmälern der alten ägyptischen Könige waren die Pyramiden nicht nur die Ruhestätten der Verstorbenen. Sie wurden als Tore in das Jenseits verstanden, als Brücken zwischen der Welt der Lebenden und den Göttern. Sie waren die Orte, an denen die Verbindung zur eigentlichen, ewigen Realität gewährleistet war. In Weingarts Bildern hallt ein solches Konzept zurück. Die Pyramiden erscheinen wie lebendige Manifestationen einer längst vergangenen Zeit, die uns jedoch in der Gegenwart begegnen – als bleibende Erinnerungen an die tiefere, universelle Wahrheit, die sie repräsentieren.
In seinen Landschaften sind die Pyramiden nicht nur Relikte der Vergangenheit, sondern lebendige Zeichen einer kontinuierlichen Kommunikation zwischen der materiellen und der ideellen Welt. Auf seinen Wanderungen erlebt Weingart immer wieder diese »Echos« aus einer anderen Dimension – aus seinem persönlichen wie auch kollektiven Unbewussten. Diese Figuren sind für ihn nicht nur stumme, geografische Markierungen – es sind immer schon existierende Realitäten im Verborgenen, welche sichtbar werden im Jetzt.
In den »Echos« illuminieren verschiedene Gedankenfiguren die Realität: die platonische Vorstellung einer idealen, unvergänglichen Welt, das organische Leben der Natur und das kosmologische Verständnis der alten Ägypter, für welche die Pyramiden jene Orte sind, an denen die Vermittlung zwischen den Welten gewährleistet ist. Die Pyramiden, die in ihrer fliehenden Transparenz erscheinen, sind Apparitions einer geistigen Wirklichkeit, welche in den Bildern die organische Natur durchströmt. Sie sind »Echos« aus der Zeitlosigkeit der Ideen.
- Max von Gleichen