Lux Mortem
Fluctus Temporis
In der Geschichte der Kunst hat das Stillleben immer wieder den schmalen Grat zwischen Leben und Tod, zwischen Schönheit und Vergänglichkeit erkundet. »Lux Mortem« verweist auf diese ständige Wechselwirkung zwischen dem Erblühen und Verfallen, welche die Existenz selbst durchzieht. In den zerfallenden Blättern und den letzten Farben der Blüten offenbart sich ein tiefes, fast philosophisches Spiel: das scheinbare Ende als Teil des unaufhörlichen Flusses der Zeit.
Das Spiel von Farbe und Licht in diesen Fotografien erinnert an die barocken Vanitas-Stillleben, die den Betrachter in eine Reflexion über das Unvermeidliche einführen. Doch hier, in dieser modernen Lesart, tritt der Verfall nicht als bloße Mahnung, sondern als ein Bild der Transformation auf. Die intensiven, fast grellen Farben der verwelkten Blüten kontrastieren mit den zarten Perlen, die wie verstreute Fragmente vergangener Schönheit wirken. Sie sind stille Zeugen einer Zeit, die unaufhaltsam voranschreitet, unnachgiebig und ohne Rücksicht auf das Leben, das sie in ihren Wellen fortträgt.
Das Dunkel, das über der Szene liegt, ist kein einfaches Nichts, sondern eine undurchdringliche Tiefe, die nur von einem unbestimmbaren Licht durchbrochen wird. Das Licht dieser Fotografien hat weder Quelle noch Ziel – ein mystère éclairé, welches dem Auge zu entgleiten scheint.
Diese unbestimmte Erhellung erinnert an das atmosphärische Spiel der Barockmalerei, in dem Licht nicht nur als physikalisches Phänomen, sondern als Träger geistiger und metaphysischer Bedeutung auftrat.
»Fluctus Temporis« – der Fluss der Zeit – wird in diesen Bildern zu einem Symbol für das fortwährende Werden und Vergehen, für das Ineinandergreifen von Leben und Tod, für das ewige Streben, hier in der Stille des Verfalls.
In diesen Bildern Weingarts spiegelt ein vergänglicher Moment seine Unendlichkeit, als integralen Bestandteil unserer Existenz.
- Max von Gleichen