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Origo

Am Horizont durchschimmern Figuren die Wolken mit dem Tanz einer rätselhaften Choreografie. Umspült von den Stimmen ihres ersten Gesangs, halten sie fest am verborgenen Glanz ihrer lebendigen Gewissheit.

— Aus Lemusichs Garten

Meine früheste Welt erblickte ich aus einem geflochtenen Wäschekorb, in dem ich als kleines Kind auf dem Arbeitstisch meines Vaters saß. Ringsum ein kaum zu entwirrendes Sammelsurium aus Pappen, Papier und Leim, Leder, Holz und Glas, aus Werkzeugen, halbfertigen Dingen und alten Bildern - eine kleine, unerschöpfliche Unordnung der Materie, in der alles schon etwas war und zugleich noch etwas anderes werden konnte.

Vielleicht liegt hier ein Grund, weshalb mich an Bildern von Anfang an etwas anderes beschäftigte als das, was sie darstellten. Ich konnte in einer Landschaft stehen oder vor einem Gemälde, manchmal auch nur vor einem ganz gewöhnlichen Gegenstand, und plötzlich war etwas gegenwärtig, das sich nicht benennen ließ. Es war nichts hinzugekommen, und doch hatte sich alles verändert.

Diese Erfahrung ist mir geblieben, ohne dass ich ihr je auf den Grund gekommen wäre. Manchmal genügt ein flüchtiger Blick, manchmal braucht es Jahre, in denen ich an denselben Ort zurückkehre, die Dinge unter wechselndem Licht betrachte, sie wieder vergesse und irgendwann erneut vor ihnen stehe. Ihre Gestalt wird dabei nicht unbestimmter - im Gegenteil. Je genauer ich hinsehe, desto weniger scheint sich das Gesehene in dem zu erschöpfen, was ich von ihm weiß. Es ist eine sonderbare Gleichzeitigkeit von äußerster Deutlichkeit und einem Entzug, der sich jeder weiteren Annäherung widersetzt.

In meiner fotografischen Arbeit kann ich diesem Geschehen entgegenkommen, aber nicht darüber verfügen. Ich suche Orte auf, beobachte das Licht, verändere die Bedingungen oder warte einfach. Manchmal führt mich die Arbeit durch lange Reihen beinahe gleicher Versuche, durch Irrtümer und zufällige Entdeckungen, und nicht selten bleibt von allem nur eine Ahnung dessen zurück, was möglich gewesen wäre. Ich habe gelernt, dass die größte Genauigkeit noch keine Gewähr für das Erscheinen eines Bildes bietet. Ebenso wenig lässt sich dieses Erscheinen dem Zufall allein zuschreiben.

Und dann, bisweilen, geschieht etwas, für das alle Vorbereitungen notwendig gewesen sein können und das doch in keiner von ihnen enthalten war. Die Dinge bleiben an ihrem Platz. Aber die gewohnte Entfernung zu ihnen hat für einen Augenblick ihre Gültigkeit verloren. Ich sehe sie mit einer Klarheit, die nichts festhalten will, und bin selbst in dieses Sehen hineingeraten.

Vielleicht beginnt ein Bild dort. Vielleicht auch erst viel später, wenn ich ihm wieder begegne und entdecke, dass etwas in ihm gegenwärtig geblieben ist, das ich weder hervorgebracht noch vorausgesehen habe. Es steht vor mir, vollkommen still, und doch ist mit ihm etwas in die Welt gekommen, dessen zukünftigen Weg ich nicht kenne.